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Der Ton-Künstler - Okarinabauer Jesús Palazón

Weil mich ein Freund von Jesús Palazón auf diesen Artikel angesprochen hat, mache ich ihn wieder online zugänglich.     

 

 

 

 Der Ton-Künstler

Jesus Palazón hat die Okarina zurück nach Mallorca gebracht

Von Bernhard Hampp 

Das Geheimnis der Okarina steckt in den Proportionen. Die Größe kann unterschiedlich sein, vom winzigen Pfeifchen bis zum melonengroßen Bass. Auch die Anordnung der Löcher kann variieren. Aber die Form ist immer gleich: länglich, spitz zulaufend, mit einer Auswölbung zum Hineinblasen. „Sonst ist es eine Flöte oder eine Trillerpfeife – aber keine Okarina“, sagt Jesus Palazón. Trotz gleicher Bauweise hat jede Okarina einen ganz persönlichen Klang. Sie ist ein eigenwilliges Instrument.  

Das verbindet sie mit Jesus Palazón. Er weigert sich, Auto zu fahren und lehnt Computer ab. Sein Leben sind die Musikinstrumente, mit denen er seine Wohnung an Palmas Hafen voll gestopft hat. Palazón ist ein Virtuose auf der Mundharmonika, er beherrscht Klavier und Kontrabass. Kein Instrument aber behandelt er so liebevoll wie die tönerne Okarina, deren Tonumfang nur anderthalb Oktaven umfasst. Denn dieses Instrument ist einzigartig. Schon, weil sich die gleichen Noten mit verschiedenen Griffkombinationen spielen lassen. Daher ist es möglich, schwierige, eigentlich unspielbare Passagen zu intonieren.  

Palazón demonstriert es und flötet eine kubanische Habanera, verfällt dann in Jazzklänge. Bei einem Menuett von Boccherini hört er völlig unvermittelt auf, die Finger zu bewegen. Das Menuett klingt trotzdem weiter. Den erstaunten Blick quittiert der Musikant mit einem Lachen: „Diese Spieltechnik habe ich erfunden.“ Man singe gewissermaßen in das Instrument hinein. „Wo zum Teufel holst du alle diese Noten her?“, hat ihn ein Lehrer vor Jahren gefragt. Die Okarina sei der menschlichen Stimme sehr ähnlich. „Ich muss sie zum Singen bringen“, schwärmt er.  

An dieser Aufgabe sitzt Palazón seit Jahren. In seiner Werkstatt schafft er Okarina-Persönlichkeiten. Jedes Mal probiert er Neues aus, um mehr Noten und mehr mitklingende Obertöne zu erschaffen. Den Ton macht der Ton. Er ist ein lebendiges Material. Wenn Palazón ein in C gestimmtes Instrument haben will, modelliert er es in H. Während des Bauens stimmt er es dreimal neu. Zuerst im rohen Zustand, wenn er den Ton formt und mit seinen Messern, Spateln und Stiften durchbohrt. Dann muss die Okarina trocknen, am besten langsam in einer Schublade, mindestens zehn Tage, bevor sie zum zweiten Mal gestimmt wird. Wenn der Ton schließlich gebrannt ist, müssen noch einmal Feinkorrekturen vorgenommen werden.    

„Eile ist fehl am Platz“, sagt Palazón, der mehr als 500 Okarinas Leben eingehaucht hat. Ein Experiment war die Okarina aus Zeitungspapier, die gar nicht einmal so schlecht klingt. Eines der Exemplare ist so gebaut, dass der Spieler mit ein wenig mehr Luft in die zweite Oktave überblasen kann – „die Okarina der Zukunft“, begeistert sich Palazón. Palazón verkauft selten eine Okarina, er baue die Instrumente nicht zum Geldverlieren, lächelt er, sondern „zum Geld verlieren“.  

Unsummen hat er in seine Okarinasammlung gesteckt. Aus immer neuen Schubladen zieht er seine Schätze: Eine deutsche Okarina aus Porzellan, eine japanische aus blauem Plastik, eine winzige, sündhaft teure Sopranokarina und ein etwas klobiges österreichisches Instrument. Der Meister nimmt es aus der Lade, spielt zwei, drei Töne an und legt es abfällig weg: „Auténtico desastre“ (wahre Katastrophe), murmelt er.  

Nicht viel besser klingt Palazóns erste Okarina, die er sich als Junge in seiner Heimatstadt Zaragoza gekauft hat. Die Okarina ist kein altehrwürdiges Instrument, wie man vielleicht vermuten könnte. Erst 1853 hat der Bäcker Giuseppe Donati in dem italienischen Dorf Budrio das Instrument erfunden und ihm als Jux die Form einer Gans (italienisch oca) gegeben. Mehrere italienische Instrumentenbauer, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier lebten, brachten das Instrument auf die Insel. Es kam bei den Mallorquinern hervorragend an und wurde schnell ein wichtiger Bestandteil der Volksmusik. Okarinakapellen gab es in Palma, Bunyola und Manacor.  

Ein legendärer mallorquinischer Okarinabauer des 20. Jahrhunderts war Benet Mas. Ihm fehlte ein Finger, deshalb erfand er ein eigenes System der Lochanordnung. Nachdem 1920 das letzte Konzert mit Okarina-Beteiligung in der Kirche Santa Maria Camí stattgefunden hatte, versank das Instrument hierzulande in der Versenkung. Erst Palazón, der vor 30 Jahren auf die Insel kam, grub die Tradition wieder aus. Inzwischen ist die Okarina aus der mallorquinischen Folklore nicht mehr wegzudenken. Kunsthandwerkerinnen wie Catalina Payeras und Carme Hermoso bauen in ihren Werkstätten möglichst originalgetreue, mallorquinische Okarinas. Letztgenannte bietet ihre Instrumente des Öfteren auf den Handwerkermärkten der Insel zum Verkauf an.   Palazón unterdessen ist weiter auf der Suche nach dem perfekten Instrument. Wenn ein Exemplar nicht so gelingt, wie er es haben möchte, wirft er aus dem Fenster. Er sagt: „Palmas Hafenbecken muss mittlerweile voller Okarinas sein.“

 

Erschienen in Mallorca Zeitung Nr. 202, 12. Woche 2004

31.5.14 16:34
 


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