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Über Max Reinhardt

Aus dem Programmheft zu "Shakespeare in Hollywood", Dramatisches Ensemble 2012:




Ein Regisseur als Star? Undenkbar. So war es vor Max Reinhardt. Was ein Regisseur heute ist: ein Macher, der die Fäden in der Hand hat, die Schauspieler anleitet, dem Stück seinen Stempel aufdrückt - das ist Reinhardts Vermächtnis.

Der Mann, der in Wien als Sohn des jüdischen Kaufmanns Wilhelm Goldmann in einfachsten Verhältnissen aufwuchs, über eine Schauspielerkarriere zum Leiter des Deutschen Theaters Berlin und gefeiertesten Regisseur im deutschsprachigen Raum avancierte, der 13 Theater baute oder umbaute, die Salzburger Festspiele gründete, Filme drehte, Monumentalspektakel und Kammerspiele inszenierte, war kein Theoretiker. Er hinterließ kein Lehrbuch, keine Schauspieltheorie. Er schrieb keine Stücke. Er war kein Vertreter einer Strömung oder einer politischen Tendenz, der das Theater als Vehikel für Botschaften nutzte. Reinhardt war ein Spieler, ein Enthusiast, dessen Begeisterung für das Theater in allen Lebenslagen überschäumte. „Ich bin auf der vierten Galerie geboren“, sagte er über sich.

Reinhardt faszinierten alle Facetten des Theaters. Detailversessen stürzte er sich auf Bühnenbau, Musik, Malerei, Ausstattung, Kostüme, Lichttechnik, visuelle Effekte. Er liebte Farbe und Bewegung. Nicht allen gefiel das: Als „Reklamowitz-Klimbimski“ verhöhnte ihn der Kritiker Alfred Kerr. Reinhardt war alles willkommen, was Begeisterung und Emotionen beim Zuschauer weckte. Die ganze Welt sollte ein Spiel sein. Reinhardt setzte Elemente aus Revue und Operette ein, schuf großes Illusionstheater, inszenierte in einem mächtigen Zirkuszelt griechische Tragödien und ließ 1920 erstmals den Jedermann auf dem Salzburger Domplatz auftreten. Reinhardt liebte die Drehbühne, die ganz neue, spektakuläre Bühnenbilder erlaubte. „Um zehn Uhr dreht sich bei Reinhardt der Wald“, wurde in Berlin zum geflügelten Wort.

Gleichzeitig aber auch den Begriff des Kammerspiels für kurze Stücke mit kleinen Ensembles, deren Handlung sich vor allem in den Beziehungen der Personen zueinander und in ihrer Psyche abspielt. „Die Schauspieler und die Zuschauer zusammenzubringen – so dicht aneinander gedrängt wie nur möglich“, wollte Reinhardt.

Stummes Spiel, Pantomime, Tanz - Reinhardt nutzte alle Darstellungsformen auf dem Weg zum perfekten Spiel, das für ihn nur die perfekten Schauspieler liefern konnten. Reinhardts intensive Arbeit mit seinen Schauspielerensembles ist legendär. Er schrieb: „Man liest ein Stück. (...) Man sieht jede Gebärde, jeden Schritt, jedes Möbel, das Licht, man hört jeden Tonfall, jede Steigerung, die Musikalität der Redewendungen, die Pausen, die verschiedenen Tempi. Man fühlt jede innere Regung, weiß, wie sie zu verbergen und wann sie zu enthüllen ist, man hört jedes Schluchzen, jeden Atemzug.“ Reinhardt entdeckte Heerscharen von Schauspielern und machte sie berühmt. Er gründete Schauspielschulen wie das heute noch bestehende Wiener Max-Reinhardt-Seminar.

Reinhardt holte die Klassiker aus dem Museum, brachte Shakespeare und Büchner, aber auch Wedekind und Hofmannsthal auf die Bühne, sah klassische Tragödien und Komödien mit jungen Augen und machte ganz nebenbei das Medium Programmheft populär. Der Theatrarch unter den Regisseuren war auch ein erfolgreicher Geschäftsmann, der mit seinem Bruder Edmund einen Theater-Konzern aufbaute, andere Häuser übernahm, Europa-Tourneen organisierte und Filme drehte.

Seinem Erfolg setzten jedoch die Nazis ein jähes Ende, die ihn 1937 zur Emigration zwangen. An die alten Erfolge konnte er in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr anknüpfen. Den „Sommernachtstraum“ verfilmte Reinhardt tatsächlich in Hollywood - allerdings schon vor seiner Übersiedlung, von 1934 bis 1935. Die mit 1,5 Millionen Dollar bis dahin teuerste Hollywood-Produktion erhielt einen Oscar, wurde aber nicht zum Publikumsrenner.

Reinhardt selbst beschrieb seine lebenslange Leidenschaft so: „Die Leidenschaft, Theater zu schauen, Theater zu spielen, ist ein Elementartrieb des Menschen. Und dieser Trieb wird Schauspieler und Zuschauer immer wieder zum Spiel zusammenführen und jenes höchste, alleinseligmachende Theater schaffen. Denn in jedem Menschen lebt, mehr oder weniger bewusst, die Sehnsucht nach Verwandlung. Wir alle tragen die Möglichkeiten zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns."

(Bernhard Hampp)
22.12.12 21:07
 


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